Die andere Ausdauer

In unserer industrialisierten Welt gilt vor allem das Motto „Time is Money„, alles muss schnell, schneller, am Schnellsten gehen und idealerweise sofort – oder besser noch: gestern – Erfolg zeigen.

In der Ruhe liegt die Kraft“ und „Was lange währt, wird endlich gut“ hingegen sind zu bloßen Floskeln reduziert worden, etwas, was man zitiert, wenns irgendwie grad passt, worüber man sich aber weiter eigentlich kaum Gedanken macht.

Das Problem

Leider findet sich diese Geisteshaltung nicht nur im Geschäftsleben, wo ihr Ursprung liegt, sondern sie hat sich mittlerweile zu einer Lebenskultur in den großen Industrienationen gemausert. Unser ganzes Leben ist also davon betroffen. So auch das Training.
Wir wollen Erfolge und wir wollen sie schnell.

Wir haben uns innerhalb von ein paar Jahren 10 Kilo Übergewicht angefuttert, wollen diese aber innerhalb von 2 Monaten wieder los werden und danach am Liebsten so weiter leben, wie bisher – nur eben 10 Kilo leichter.
Wir haben noch nie im Leben ernsthaft Sport betrieben, wollen aber schon nach ein paar Trainingseinheiten mit 100 Kilo Bankdrücken machen oder einen Marathon laufen.
Natürlich klappt das nicht, woran liegts? Nicht an Einem selbst, man hat ja immerhin in diesen Trainingseinheiten Alles gegeben. Der Trainingsplan, der muss schuld sein, der ist einfach nicht richtig oder nicht gut genug.

Unser „Neusportler“ begibt sich also zum nächsten Zeitschriftenhändler – oder zu Google – und will sich informieren. Andere Sportler erreichen ihre Ziele schließlich auch, die müssen doch irgendetwas anders machen, irgendeine geheime Übung oder ein im Pentagon entwickelter Trainingsplan steckt bestimmt dahinter.
Und tatsächlich, er findet im Männermagazin oder Trainings-Forum seiner Wahl einen Trainingsplan, der enorme Ergebnisse verspricht, der vielleicht der Plan eines Profi-Athleten oder gar eines Champions ist.
Kurzerhand wird der eigene Plan in Rente geschickt und am nächsten Trainingstag tritt der neue, der ultimative Trainingsplan seinen Dienst an. Aber so nach 2 oder 3 Wochen ist der Bizeps immer noch nicht bei 45 cm Umfang oder man kann immer noch nicht weiter als 5 Kilometer am Stück laufen. Die Fehlersuche geht von Neuem los. Man liest dann durch Zufall etwas über Somato- oder Körperbautypen und plötzlich ist alles klar. In wenigen Minuten hat man sich selbst als den ektomorphen Typen identifiziert und dabei war doch der ultimative Trainingsplan eher was für den mesomorphen Sportler. Ok. Muss also wieder ein neuer Plan her. Wieder wird ein Männermagazin besorgt, das Sixpack und dicke Oberarme in 4 Wochen verspricht – dieses Mal ist sogar ein Ernährungsplan für Hard-Gainer dabei – na bitte, das sind die Informationen, die bisher gefehlt haben. Schnell noch alles eingekauft, was auf dem Ernährungsplan steht und auf geht´s in eine Zeit voller glanzvoller Erfolge. Oder auch nicht.

Dieses Spielchen wiederholt sich wieder und wieder und so hat der ambitionierte Trainingsanfänger innerhalb von 6 Monaten 9 verschiedene Trainingspläne befolgt. Im Spiegel zeigt sich leider ebenso kein nennenswerter Erfolg, wie bei den Gewichten, die er stemmt oder den Zeiten / Distanzen, die er läuft.

Der Weg zum Erfolg

Die Uhr unseres Organismus tickt anders. Sie kennt keinen Sekundenzeiger. Zudem sehen wir meist nur den unmittelbaren Erfolg, das kurzfristige Ziel.
Dabei überschätzen wir, was wir innerhalb einer Woche erreichen können bei weitem, unterschätzen aber, was wir innerhalb eines Jahres erreichen können für gewöhnlich maßlos.

Unser Neusportler hat während seines ersten Trainingsplans innerhalb von 3 Wochen insgesamt 9 Mal trainiert. Bei jedem Training hat er die Übung Bankdrücken ausgeführt. Nach diesen 3 Wochen hatte er seine Leistung von 40 Kilogramm auf 45 Kilogramm gesteigert. 5 Kilogramm in 3 Wochen – wie armselig…
Mal angenommen, diese Steigerungsrate wäre für sein ganzes erstes Trainingsjahr konstant geblieben und er hätte ebenso konsequent sein Programm durchgezogen. Innerhalb dieser 52 Wochen hätte er noch 17 Mal eine Leistungssteigerung um 5 Kilo erfahren. Das sind 85 Kilo zu seinen 40 Kilo Ausgangsleistung hinzu addiert. Es ergibt sich also ein Gewicht von 125 Kilo, das er am Ende des Jahres hätte stemmen können! Ein ziemlich stattlicher (und keineswegs unrealistischer) Wert, wie ich finde.

Nun gut, ich habe um der Anschauung Willen etwas getrickst. Die Steigerungsrate bei einem Anfänger liegt zunächst sicher deutlich höher, als die genannten 5 Kilo in 3 Wochen, nimmt aber mit der Zeit langsam ab, so dass sich auf einer grafischen Darstellung keine konstante Gerade ergeben würde, sondern eine abflachende Kurve.
Dennoch. Die angenommenen Werte sind keineswegs übertrieben und im Durchschnitt ohne Weiteres so zu erreichen – ein konsistentes Trainingsverhalten vorausgesetzt.

Die etwas andere Ausdauer trägt den Namen Geduld, hier auch gleichzusetzen mit Durchhaltevermögen.
Kraft- und Ausdauertraining sind keine Beschäftigungen, die man mal so nebenbei macht, damit seine Fähigkeiten verbessert, dann auf selbem Niveau seinem bisherigen Leben weiter nachgeht und dann nach Belieben wieder für eine Zeit macht, um sich erneut von dort weiter zu entwickeln.
Ernstzunehmende Erfolge lassen sich nicht im Handumdrehen erwirken. Das wichtigste für den Erfolg eines Trainingsplans, ist die Ausdauer, diesen Plan zu befolgen.
Zwar wird in der modernen Trainingslehre eine regelmäßige Anpassung des Trainingsplanes empfohlen, um dem Organismus neue Reize anzubieten, nie geht es dabei aber darum, einen kompletten Plan über den Haufen zu werfen und etwas völlig Neues zu starten. Minimale Anpassungen wie beispielsweise eine alternative Ausführung einer Übung, die bereits im bestehenden Plan vorkommt, eine neue Übung gegen eine andere Übung auszutauschen oder die Variablen Intensität, Volumen, Frequenz, HäufigkeitPausen zu verändern – dies sind die gemeinten Anpassungen.
und

Sucht / erstellt Euch einen soliden Trainingsplan* für Eure Ziele und gebt diesem Plan mindestens 3 lieber 6 Monate Zeit, bevor Ihr daran denkt, etwas Grundlegendes daran zu ändern.

Die zwei mächtigsten Krieger sind Geduld und Zeit“ – Leo Tolstoi

*Schaut regelmäßig wieder auf Kraft-und-Ausdauer.de vorbei, in Kürze beginnt mein erster Workshop, der die Erstellung eines individuellen Trainingsplans zum Thema hat.

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